Erfahrungsberichte

Hormone – das Übel nach der Neozeit

Hormone. Ein wirkliches Übel. Wer hätte gedacht, das diese unterschätzen Ausschüttungen im Körper, einen so ausschalten können. Ich jedenfalls nicht. Wie Naiv.

Wer die erste beiden Artikel über Marias Geburt und die Neozeit gelesen hat, weiß jetzt wo es weiter geht. Richtig! Nämlich zu Hause. Im sicheren Umfeld. Ohne Monitore, ohne Krankenhausessen. Ohne Koller. Höhöhö. Als ich Maria in ihrem Kinderwagen, freudig und das letzte Mal, durch die Automatiktüren der Neonatologie schob, hatte ich keine Ahnung was mich zu Hause erwarten würde. Wie auch.

 

 

Zu erwarten wären Probleme mit Maria gewesen. Wir hatten mittlerweile März und die Temperaturen draußen waren so kalt, das eine Erkältung oder der RS Virus eine Option gewesen wären. Damit hatte ich gerechnet. Oder generelle Probleme mit der Atmung. Aber nichts passierte. Maria ging es gut. Anstelle dessen war ich das Problem.

Meine Hormone fingen an verrückt zu spielen, und das sollte noch eine ganze Weile so bleiben.

Begonnen hat alles mit den Freuden der Sinne. Mein Appetit kam wieder. Wo ich vorher nicht dran gedacht hatte, und nur das nötigste in mich auf nahm, trat nun das Gegenteil ein. Ich fühlte mich leer. Ich hatte hunger. Und es gab nichts was mich satt machen konnte.

 

Das große Fressen began

Mein Tages und Nachtablauf waren eins geworden. Das einzige was es gab, waren kurze Schlafphasen. Ich lag den ganzen Tag im Bett. Maria auf mir, neben mir oder an mir. Wenn Maria schlief, schlief auch ich. In jeder Position. Wenn Maria gestillt wurde,  konnte ich mich kaum an ihr satt sehen. Wenn Maria wach war, aß ich.

Nun was soll ich sagen? Maria war von Woche zu Woche immer länger wach. Und ich entwickelte eine Art dreier Kombination. Erst warm und salzig, dann etwas süßes hinterher mit einem Zwischengelage an Chips, Gummibärchen und Konsorten. Kein Lebensmittel hinterließ in mir das Gefühl satt zu sein. Ich hatte einen anhaltenden Hunger. Irgendwann began ich damit Ausreden zu erfinden. „Wenn ich nicht so viel esse, wird die Milch weniger.“ “ Ich muss nur den Inhaltsstoff finden den mein Körper gerade will, dann bin ich auch satt.“ Das waren die beiden beliebtesten. Im Inneren wusste ich , das da etwas ganz und gar nicht richtig läuft. Aber was?

 

 

in Dunkelheit

Und dann wurde alles dunkel. In mir. Ich hatte eine tiefe, nicht aus zu drückende Verzweiflung in mir lauern, welche an die Oberfläche brach. Ich hasste alles und jeden und suchte einen Schuldigen. Für mich lag der Blasensprung an Stress. Ohne wenn und aber. Schublade auf, Stress rein. Zu. Und Tim´s Ex war Schuld. Unantastbar. Und wage dem der es anzweifelte.

Ich wurde immer unglücklicher und unzugänglicher, und verkapselte mich in meinem Kreislauf. Maria, essen, schlafen. Das  zählte. Also aß ich. Schlief ich. Stillte ich. Und ich weinte.

Ich weinte um die geraubte Schwangerschaft. Ich weinte um das verlorene Baby mit dem ich kurz vorher schwanger war. Um das Leid und den Schmerz den Maria ertragen musste. Ich machte mir vorwürfe. Ich war wütend. Ich schämte mich für die unstillbare Gier nach Essen. Ich bemitleidete mich und ich suhlte ausgiebig darin. Die Tatsache das ich Marias Schwangerschaft nicht halten konnte, erschuf eine ganz neue Art von Körpergefühl. Ich fühlte mich Wertlos. Meine Gebärmutter war alt. Mein Muttermund war im vorbeilassen nahender Bakterien, lasch und nachlässig. Vermutlich hing er einfach nur so rum. „Im vorzeitigem Ruhestand“ wäre seine Antwort gewesen. Ja, was wollte ich mit 33 auch erwarten. Immerhin war vor 15 Jahren, ab einem Alter von 30, die Schmerzgrenze und man galt als “ Spätgebärend mit Risikoschwangerschaft“. Meine Gebärmutter hatte von den neumodischen Spätgebärenden noch nichts gehört. 30 ist das neue 20! Liest man ja überall. Mein Körper weiß davon nix. Jetzt hasste ich nicht nur alles um mich herum. Jetzt hasste ich mich selber. Und darüber weinte ich noch mehr. Tim hasste mich vermutlich auch. Obwohl er mich zum Glück tapfer aushielt, mich oft in den Arm nahm und einfach nur wiegte.

Ich weinte so lange bis ich im Stande war Gedanken zu fassen. Erst konnte ich nur ein paar rückliegende Erinnerungen an die Geburt greifen, dann, nach und nach senkte sich der Schleier des Verdrängens. Ich ging wieder vor die Tür. Zum Einholen oder im Wald spazieren.  Ich hasste nicht mehr jeden, nur noch vereinzelt. Und ich begann ich zu lesen. Ich durch forstete das Internet nach allem was ich über eine Frühgeburt lesen konnte. Ich meldetet mich in Foren an und lass da jeden Geburtsbericht, den ich zu Gesicht bekam. Ich saugte auf und gleichzeitig lies ich los. Und ich  weinte für jede Mama mit. Bis irgendwann genug geweint war und die Tränen verebbten. Maria war nun 6 Monate alt.

In dem Frühchenforum hatten viele Eltern, in Folge der Frühgeburt, schwerbehinderte Kinder. Es war schrecklich. Ich wachte aus der, für Außenstehende „normalen Welt“, auf. Vor mir lag eine virtuelle neue Welt. Über die ich mir nie Gedanken gemacht habe. Und die mich unvorbereitet traf. Mir kam nicht in den Sinn, das Maria Folgeschäden haben könnte.  Kennt ihr sicher auch. Man selber ist nie betroffen! Auch nicht als ich dort über Marias Entwicklungstest schrieb und antworten bekam wie “ das ist wie bei uns…“  Ich kam noch nicht mal darauf, das irgendetwas komisch sein könnte, als ich bei den Profilen die Behinderungen deren Kinder schwarz auf weiß, lesen konnte. Maria ist ja erst korrigiert 3,5 Monate. Oder 6..oder 9.. Sie muss das noch gar nicht können. Frühchen sind eh langsamer, nicht vergleichbar..etc.pp. Ich verließ mich auf die Aussagen der Kinderärztin. Ich wollte nicht nach denken. Nur hoffen und glauben. Tief in mir ahnte ich jedoch das etwas nicht stimmte.

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Die Tage verstrichen. Ich beobachtete und begann zu hinterfragen. Meine Krone wollte gerichtet werden und es war Zeit für  den ersten Schritt, von dem ich nicht wußte wohin er mich führen würde.

 

Hattet ihr auch nach der Geburt solch einen Hormonchaos? Wie habt ihr die Zeit erlebt?

 

P.S: auf den Bildern ist Maria 2 Monate alt

 

 

 

 

 

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3 Kommentare zu „Hormone – das Übel nach der Neozeit

  1. Hallo, ich denke es war sehr gut, dass Du es so verarbeitet hast. Ich habe bis heute kaum weinen können, obwohl meine Tochter sehr oft dem Himmel näher war als dieser Erde. Auch heute kommt es mir wie ein Traum vor und ich denke oft “ Es kann doch nicht sein, daß Sie behindert ist ?“ Da sie sehr lange auf der Intensivstation lag, bin ich heute noch eifersüchtig wenn ich Neugeborene sehe, die gesund sind. Gerade diese Zeit fehlt mir und nach dem Krankenhaus war bei uns lange die Sorge noch nicht vorbei. Schön, da Du es so ehrlich aufgeschrieben hast. Liebe Grüße

  2. Wow, das hört sich ja wirklich ganz schlimm an. Und ich finde, es überrascht einen wirklich, mit wie viel Wucht die Hormone ankommen. Mich hat es immer bei Sonnenuntergang erwischt: Ich musste jedes Mal, wochenlang, weinen, weil ich auf einmal so unglaublich traurig wurde. Und das obwohl ich rational ja wusste, dass alles in Ordnung ist…

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